Max Silberberg
©© Stadtverwaltung NeuruppinMax Silberberg (1878–1943) wird am 27. Februar 1878 in Neuruppin als Sohn eines jüdischen Schneidermeisters geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums absolviert vermutlich eine kaufmännische Ausbildung in Hamburg. Um 1902 tritt er als Prokurist in die Firma M. Weissenberg in Beuthen (Oberschlesien) ein und wird 1906 Mitinhaber des Unternehmens. Im selben Jahr heiratet er Johanna Weissenberg, ihr Sohn Alfred wird 1906 geboren.
Silberberg entwickelt sich zu einem außerordentlich erfolgreichen Unternehmer mit internationalen Geschäftsbeziehungen. 1920 verlegt er den Firmensitz nach Breslau und erwirbt dort eine repräsentative Villa, die zugleich Wohnhaus, Treffpunkt des kulturellen Lebens und Ausstellungsort seiner stetig wachsenden Kunstsammlung wird.
Seine Sammlung zählt zu den bedeutendsten privaten Kollektionen ihrer Zeit. Sie umfasst Hauptwerke des 19. und frühen 20. Jahrhunderts – darunter Gemälde und Zeichnungen von Courbet, Delacroix, Manet, Monet, Pissarro, Renoir, van Gogh, Liebermann, Klee oder Braque – ebenso wie Skulpturen von Kolbe, Maillol oder Barlach. Silberberg steht mit mehreren Künstlern in persönlichem Kontakt und stellte Leihgaben international aus.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten beginnt die systematische Verfolgung. 1935 wird seine Villa beschlagnahmt. In sogenannten „Judenauktionen“ wird der Großteil seiner Sammlung zwangsversteigert. 1938 wird auch sein Unternehmen „arisiert“. Die verbliebenen Kunstwerke werden beschlagnahmt, sein Vermögen durch Sonderabgaben aufgezehrt.
Ende 1941 werden Max und Johanna Silberberg interniert, 1942 deportiert und vermutlich 1943 in Auschwitz ermordet.
Nach dem Krieg bemühen sich die Erben jahrzehntelang um die Rückgabe geraubter Werke. Ein Teil der Sammlung kann seit den 1990er Jahren identifiziert und restituiert werden. Die einst legendäre Sammlung Silberberg ist heute weltweit verstreut. Ihr Schicksal steht exemplarisch für den Verlust jüdischer Kultur und die bis heute andauernde Aufarbeitung von NS-Raubkunst.
Der Wikipedia-Beitrag über Max Silberberg beschreibt sein Leben, die Sammlung und auch die Restitution an seine Erben: https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Silberberg
Zur Sammlung gibt es von Zeitzeugen Berichte, so z.B.:
- Karl Scheffler: Die Sammlung Max Silberberg. In: Kunst und Künstler – Illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe, Nummer 30, Jahrgang 1931, S. 3-18.
Zur Sammlung und zur Restitution sind insbesondere folgende Beiträge interessant:
- Christian-Matthias Dolff: Max Silberberg (1878–1942) und das jüdische Breslau. Fallbeispiel eines assimilierten Juden. In: Daniel Meis (Hrsg.): Die Heterogenität des Judentums in der Weimarer Republik (1918/1919–1933). Biographische Zugänge. Logos, Berlin 2020, S. 1934.
- Anja Heuß: Die Sammlung Max Silberberg in Breslau. In: Andrea Pophanken, Felix Billeter (Hrsg.): Die Moderne und ihre Sammler. Französische Kunst in deutschem Privatbesitz vom Kaiserreich zur Weimarer Republik. Akademie-Verlag, Berlin 2001, S. 311-325.
- Monika Tatzkow, Hans Joachim Hinz: Bürger, Opfer und die historische Gerechtigkeit. Das Schicksal jüdischer Kunstsammler in Breslau. In: Osteuropa, Nummer 56, Jahrgang 2006, S. 155-171.
- Monika Tatzkow: Max Silberberg. In: Melissa Müller, Monika Tatzkow, Thomas Blubacher: Verlorene Bilder – verlorene Leben. Jüdische Sammler und was aus ihren Kunstwerken wurde. E. Sandmann Verlag, München 2009, S. 114ff.
Die genealogischen Daten über die Familien Silberberg, Moritz Weissenberg, Salomon Weissenberg und Bartnitzki wurden zum größten Teil in der Onlinequelle für Ahnenforschung https://www.ancestry.de ermittelt. Dort finden sich insbesondere weitgehend vollständige Familienstammbäume für die Familien Silberberg und Bartnitzki von Peter Lax. Peter Lax hat uns auch Urkunden aus polnischen Standesämtern überlassen.
Weitere Daten sind in der zentralen Datenbank der Holocaustopfer von Yad Vashem zu finden.
Für diesen Beitrag haben wir insbesondere die in der Literaturliste aufgeführten Publikationen benutzt. Zu besonderem Dank sind wir der Historikerin Dr. Monika Tatzkow verpflichtet, die uns großzügig mit zahlreichen Dokumenten aus ihren Nachforschungen versorgt hat. Auch die Journalistin Giulia Bernardi hat uns mit Informationen weitergeholfen, die zum Teil aus ihrer Masterarbeit an der Universität Basel zum Thema «Place, Wounds and Transformation», Die Translokation des Bildes La Sultane stammen. Weitere Informationen verdanken wir Magdalena Yanshin, die uns den Zugang zu polnischen genealogischen Datenbanken und zu den Bauakten in Neuruppin ermöglicht hat.
Familie und Leben von Max Silberberg
Die Familie Silberberg in Neuruppin
Die Eltern von Max Silberberg, Isidor Lewin Silberberg (* ca. 1845 in Obersitzko) und Natalie David (* 15.11.1846 in Mieschkow), leben zum Zeitpunkt ihrer Heirat ( 30.05.1872) in Neuruppin bzw. Alt Ruppin. Isidor ist Schneidermeister. Wann sie dorthin gezogen waren, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich zieht Isidor erst, nachdem er volljährig wurde, nach Neuruppin, also nicht vor 1867.
©© Stadtverwaltung NeuruppinVermutlich leben sie nach der Heirat in die Friedrich-Wilhelmstr. 15 (heute Karl-Marx-Str. 15), wo am 02.05.1873 die erste Tochter Clara geboren wird. Insgesamt werden sie acht Kinder haben, von denen nur drei die frühste Kindheit überleben:
Name | Geburtsdatum | Geburtsort | Sterbedatum | Sterbeort |
| Clara | * 02.05.1873 | Friedrich-Wilhelmstr. 15 | † 28. 07. 1923 | Fischbänkenstr. 20 |
| Ida | * 30. 06 1876 | Friedrich-Wilhelmstr. 15 | † 16. 07 1876 | Friedrich-Wilhelmstr. 15 |
| Max | * 27. 02. 1878 | Friedrich-Wilhelm-Str. 15 | † etwa 1943 | Treblinka oder Auschwitz |
| Margarethe | * 23. 11. 1881 | Friedrich-Wilhelm-Str. 15 | † etwa 1942 | Auschwitz |
| Israel Born | * 05. 05. 1884 | Fischbänkenstr. 20 | † 10. 07. 1884 | Fischbänkenstr. 20 |
| Louis | * 05. 05. 1884 | Fischbänkenstr. 20 | † 07. 07. 1884 | Fischbänkenstr. 20 |
| Hedwig | * 24. 11. 1886 | Fischbänkenstr. 20 | † 20. 08. 1887 | Fischbänkenstr. 20 |
| Alfred | * 01. 09. 1888 | Fischbänkenstr. 20 | † 07. 12. 1888 | Fischbänkenstr. 20 |
Isidor kauft ein Haus in der Fischbänkenstr. 20, dessen Umbau er am 11.11.1882 beantragt. Der Umbau wird im Januar 1884 abgeschlossen. Die Zwillinge Louis und Israel Born werden am 05. 06. 1884 bereits dort geboren. Der Sohn Alfred, das letzte Kind, stirbt im Alter von drei Monaten am 07.12.1888 in der Fischbänkenstr. 20.
Aus einer Annonce im Adressbuch Neuruppin von 1890 geht hervor, dass Isidor fertige Herren-Garderobe verkauft. Nach wie vor bietet er auch die Anfertigung von Kleidern an. Außerdem handelt er mit gebrauchten Möbeln.
Max besucht das Gymnasium in Neuruppin und schließt seine Ausbildung mit dem Einjährigen-Examen ab. Das entspricht der heutigen Mittleren Reife. Er sollte also 16 Jahre alt gewesen sein und das Schuljahr vor Ostern 1894 beendet haben. Bis dahin war die Familie mit Sicherheit in der Fischbänkenstr. 20.
Im Adressbuch von Neuruppin von 1900 ist Isidor Silberberg nicht mehr erwähnt.
Familie Silberberg in Hamburg
Am 19.11.1895 schreibt Isidor Silberberg einen Brief, in dem er die Adresse Hamburg, Hohe Bleichen 49 angibt. In dem Brief sind Max (17 Jahre alt) und Clara (22 Jahre alt) mit Wohnsitz Hamburg genannt. Margarethe (14 Jahre alt) ist im Brief nicht erwähnt, aber sicher dabei. Die Grundschule hat sie wohl in Neuruppin abgeschlossen.
Clara hat einen Hamburger Meldeschein vom 02.12.1895. Im Adressbuch Hamburg von 1896 ist Isidor mit Adresse Hohe Bleichen 49 aufgeführt. Die Familie ist also 1895 nach Hamburg umgezogen.
Im Adressbuch Hamburg 1898 ist Clara (25 Jahre alt), Beruf Putzmacherin, mit der Adresse Victoriastr. 22 angemeldet. Am 05.07.1898 unterzeichnet Clara eine Vollmacht für Isidor. Er ist „wohnhaft in Hamburg“. Am 04.11.1898 schreibt Isidor einen Brief mit Absender Victoriastr. 22.
Am 15.11.1898 ist ein Brief an Isidor mit der Adresse Hohe Bleichen 49 nicht zustellbar. Es wird eine polizeiliche Ermittlung vom Amtsgericht Neuruppin eingeleitet. Die Hamburger Polizei stellt als neue Adresse Hamburg, Schillerstr. 26 bei Mücke fest. In Hamburg gibt es keine Schillerstraße, jedoch in Altona. Allerdings findet man keinen Eintrag im Adressbuch Altona bei der Nummer 26.
Max schreibt am 17.01.1898 (kurz vor seinem 20. Geburtstag) einen Brief mit Adresse Hamburg, Victoriastr. 22, in dem er um die schnelle Zusendung seines Geburtsscheins bittet, den er für die Meldung zur militärischen Stammrolle in Hamburg braucht. Die Aufforderung zur Meldung zur militärischen Stammrolle erfolgte damals immer zum Jahresanfang für alle Männer, die in diesem Jahr 20 Jahre alt werden. Er wird also wohl im Herbst 1898 den Militärdienst begonnen haben. Sollte er sein Einjährigen-Examen benutzt haben, wäre er ein Jahr später, also 1899, fertig gewesen. In dem von seinem Sohn Alfred geschriebenen Lebenslauf vermutet dieser aber, dass er wohl den vollen Dienst, also zwei Jahre, abgeleistet hat, so dass er im Jahr 1900 den Militärdienst beendet hätte. In den drei Jahren 1895 bis 1898 könnte Max seine kaufmännische Ausbildung in Hamburg abgeschlossen haben. Darüber gibt es keine Unterlagen. Allerdings gibt es einen Brief vom 19.06.1900 von Max und Clara, beide wohnhaft Hamburg, Victoriastr. 22, in dem er als Kaufmann und sie als Putzmacherin unterschreiben. Das müsste nach seiner Militärzeit gewesen sein. Er könnte also nach seiner Militärzeit noch in Hamburg als Kaufmann gearbeitet haben, vor er nach Beuthen zog.
Clara ist auch noch 1901 in Hamburg gemeldet, aber mit neuer Adresse: Hammerbrookstr. 45.
1902 gibt es keinen Eintrag mehr im Hamburger Adressbuch.
Der Umzug nach Beuthen
Im Lebenslauf von Max Silberberg, den sein Sohn Alfred (* 08.11.1906 in Beuthen) am 03.06.1961 schrieb, steht, dass Max 1902 (im Alter von 24 Jahren) als Prokurist bei der Firma M. Weissenberg in Beuthen, Oberschlesien, Gartenstraße eintrat. Max muss also mit Sicherheit seine Ausbildung zum Kaufmann in Hamburg abgeschlossen haben. Eventuell hat er auch dort noch als Kaufmann gearbeitet.
Ob Max allein oder mit Familie nach Beuthen gezogen ist, bleibt unklar. Allerdings heiratet Margarethe kurz vor ihrem 30. Geburtstag am 22.10.1911 in Hamburg den Kaufmann Siegfried Fröhlich (* 21.01.1885) aus Sinzig. Ihre Eltern Natalie und Isidor wohnen zu der Zeit in Hamburg, Margarethe in Beuthen. Es ist wahrscheinlich, dass Margarethe mit Max nach Beuthen gezogen ist. Die Eltern blieben nachweisbar bis 1915 (Einträge in den Adressbüchern von Hamburg 1912 bis 1915) in Hamburg, Sachsenstr. 25. Die Hochzeit findet offensichtlich wegen der Eltern in Hamburg statt. Auch Clara wohnt 1911 in Hamburg, Schwabenstr. 3.
Am 21.08.1912 bringt Margarethe ein totes Mädchen zur Welt. Es bleibt ihr einziges Kind. Margarethe und Siegfried wohnen in Beuthen, Ring 12. Der Ring war ein prächtiger Platz, an dem auch das Rathaus stand. Die Nummer 12 ist an der nördlichen Straßenfront, ein Bürgerhaus von 1897, erbaut (wahrscheinlich) nach dem Entwurf von Albert Bohm im Stil des pittoresken Historismus.
Fischbänkenstraße Nr. 20 in Neuruppin
Dem Adressbuch Neuruppin 1908 und 1914 ist zu entnehmen, dass „Fräulein Silberberg (wohnt in Hamburg)“ Eigentümerin des Hauses in der Fischbänkenstr. 20 ist. Dies muss Clara sein, da sie 1911 den Abwasseranschluss im Haus als Eigentümerin beantragt.
In diesem Antrag ist ihre Hamburger Adresse als Schwabenstr. 3 angegeben. Spätestens seit 1920 wohnen Clara und ihre Eltern wieder in Neuruppin in der Fischbänkenstraße. Dort stirbt Clara am 28.07.1923.
Im Adressbuch Neuruppin 1925 ist Isidor als 80-jähriger wieder als Eigentümer und Rentner in der Fischbänkenstr. 20 aufgeführt. Auch im Adressbuch Neuruppin 1929 ist Isidor noch aufgeführt. Seine Frau Natalie stirbt in Neuruppin am 16.12.1929. Isidor zieht zu Margarethe in Beuthen und stirbt dort am 28.09.1931.
Im Adressbuch Neuruppin 1932 sind als Eigentümer dees Hauses in der Fischbänkenstraße „Silberberg’sche Erben“ aufgeführt. Dies sind Margarethe und Max. Am 10.03.1930 beantragt Max die Übertragung seines Erbanteils an Margarethe Fröhlich. Am 26.03.1930 nimmt Margarethe Fröhlich die Übertragung an. Grund der Annahme ist die Übernahme der Verpflegung ihres Vaters Isidor.
Nach dem Tod von Isidor am 28.09.1931 ist laut Erbschein vom 15.05.1934 (Amtsgericht Beuthen) Margarethe Alleinerbin und beantragt am 29.05.1934, sie als Alleineigentümerin ins Grundbuch einzutragen.
Am 07.12.1939 genehmigt Margarethe mit Zustimmung ihres Ehemanns Siegfried die Eintragung einer Hypothek auf die Immobilie Fischbänkenstr. 20 in Neuruppin in Höhe von 2.314,63 RM. Grund ist die erhobene Judenvermögensabgabe. Magarete unterwirft sich der sofortigen Zwangsvollstreckung ihres gesamtes Vermögen. So endet der Familienbesitz in der Fischbänkenstr. 20.
Laut Katasteramt Kyritz: 10/18 von Neuruppin, Gebäudebuch, Bd. 17/53 gehörte das Haus ab 06.12.1940 einer Person namens Bading.
Max Silberberg in Beuthen
Die Firma M. Weissenberg, bei der Max Prokurist ist, gehört bis 1906 Friedrich Mehlhorn sowie dem Bergwerksbesitzer und Kaufmann Moritz Weissenberg. Eigentlich war der Vorname von Weissenberg Moses, aber er benutzte den Vornamen Moritz. Max wird nach dem Austritt von Friedrich Mehlhorn 1906 Mitinhaber der Firma.
Sein Anteil an der Firma war 40 %, die restlichen 60 % behielt Moritz Weissenberg. Als Moritz Weissenberg am 13.03.1927 stirbt, übernehmen seine beiden Söhne Georg und Richard jeweils die Hälfte seiner Anteile.
Max heiratet am 18.01.1906 in Kattowitz Johanna Weissenberg (* 07.03.1884 in Kattowitz). Eine Verwandtschaftsbeziehung zwischen ihrem Vater Salomon Weissenberg und Moritz Weissenberg ist nicht nachweisbar. Am 08.11.1906 wird ihr einziger Sohn Alfred Sally in Beuthen geboren.
Max ist ein außerordentlich erfolgreicher internationaler Unternehmer, so dass er sich den Aufbau einer der bedeutendsten Kunstsammlungen leisten kann, die schließlich nach heutigen Maßstäben mehrere Milliarden Euro wert ist.
Erste Anregung ist eine Wanderausstellung zu Münchener Malerei, Werke der Künstler Carl Schuch, Hans Thoma und Wilhelm Trübner aus dem Kreis um Wilhelm Leibl zu erwerben.
Max Silberberg in Breslau
Die Hauptverwaltung der Firma M. Weissenberg wird 1920 nach Breslau verlegt. Dort kauft Max eine großzügige Villa in der Landsberger Straße 1-3 (heute ul. Kutnowska), in der er seine Kunstwerke unterbringen kann. Die Villa dient auch als Ort für kulturelle Veranstaltungen. Man kann wohl davon ausgehen, dass Johanna Silberberg einen großen Anteil an der Organisation und Durchführung dieser Veranstaltungen hat, wie sie sicherlich auch an der Entscheidung über den Ankauf von Kunstobjekten beteiligt ist.
Bei der Auflösung der Dresdner Sammlung Adolf Rothermund erwirbt Max vier Gemälde, darunter Gustave Courbets Environs d’Ornans, sowie Werke von Eugène Delacroix und Pierre-Auguste Renoir. Weitere Impressionisten kauft er in Paris bei Georges Bernheim und Paul Rosenberg, in Luzern bei Thannhauser und in Berlin bei Paul Cassirer. Ein gern gesehener Kunde ist er auch bei anderen renommierten deutschen und schweizerischen Kunsthandlungen und Auktionshäusern. Bei einer Versteigerung 1927 ersteht Max Silberberg einige herausragende Gemälde – darunter Camille Corots Poesie und Honoré Daumiers Oedipus. Außerdem besitzt er bedeutende Arbeiten von Édouard Manet, Claude Monet, Camille Pissarro und Vincent van Gogh. Einen Platz in seiner Sammlung erhalten aber ebenso Gemälde und Zeichnungen regional bedeutender schlesischer Künstler sowie wertvolle bildhauerische Arbeiten von Georg Kolbe, Aristide Maillol, August Gaul und Constantin Meunier. Max Silberberg liebt insbesondere seine zwei-figurige Barlach-Skulptur Die Trauer, der er einen Platz im Entree seines Hauses gibt.
Zu einigen Künstlern entstehen persönliche Beziehungen – so zu Max Liebermann, den er wiederholt in Berlin besucht und von dem er mindestens drei Gemälde und acht Zeichnungen besitzt, zu Georg Kolbe, der für Silberberg einige Auftragswerke schuf, und zu Hans Purrmann, der die Eheleute Silberberg mehrfach porträtierte. Ende der zwanziger Jahre beginnt Max Silberberg über realistische und impressionistische Kunst hinauszugehen und erwirbt Arbeiten von Georges Braque, Paul Klee, Alexej von Jawlensky, Henri Matisse, Otto Mueller und Georges Seurat.
In der Weltwirtschaftskrise muss sich Max Silberberg von einem begrenzten, aber erlesenen Teil seines Kunstbesitzes trennen. Weiterhin bleiben aber Werke von Courbet, Delacroix, Manet, Pissarro und Sisley in seinem Besitz; er kann sogar neue Kunstwerke hinzukaufen. Auf zahlreichen Ausstellungen sowohl in Breslau als auch in anderen deutschen Städten und im Ausland ist er mit Leihgaben präsent. Noch Anfang 1933 werden Gemälde aus seiner Sammlung in Wien und New York ausgestellt.
Die Verfolgung der Juden setzt in Breslau sehr früh und krass ein. Max Silberberg musste sofort alle Funktionen im kulturellen Bereich aufgeben. Die jüdische Bevölkerung in Breslau bleibt nach der Machtübergabe keineswegs passiv, sondern reagiert mit der Stärkung ihrer Organisationen. So wird zum Beispiel der Jüdische Kulturkreis 1934 gegründet, an dem auch Max Silberberg beteiligt ist. Da Besuche im Museum oder im Theater immer schwieriger werden, versucht die Organisation den Verlust an Teilhabe mit der finanziellen Unterstützung von kulturellen und wissenschaftlichen Veranstaltungen für die jüdische Bevölkerung auszugleichen. Die kulturellen Veranstaltungen in der Villa Silberberg sind auch in diesem Kontext zu verstehen.
Allerdings wird schon 1935 die Villa von der NSDAP beschlagnahmt. Die Familie muss in eine kleine Mietwohnung in der Kurfürstenstraße 28 umziehen. Daher muss Max Silberberg 1935 und 1936 in mehreren Versteigerungen des Berliner Auktionshauses Paul Graupe, die als „Judenauktionen“ bezeichnet werden, den Großteil seiner Sammlung, wertvolle Teppiche und Antiquitäten veräußern. Von etwa 160 Kunstobjekten – darunter Arbeiten so bedeutender Maler wie Braque, Cezanne, Corinth, Corot, Courbet, Degas, van Gogh, Leibl, Liebermann, Marées, Menzel und Renoir – bleiben Max Silbermann nur einige wenige Gemälde und Zeichnungen, die er unbedingt behalten möchte. Die meisten der zwangsversteigerten Werke gehen an Privatpersonen und Händler, einige in Museen.
Im November1938 wird die Firma „arisiert“ und deutlich unter Wert verkauft. Die den Juden auferlegten Steuern verschlingen das Vermögen von Max Silberberg. Schließlich werden auch die Kunstwerke, die ihm noch verblieben sind, beschlagnahmt. Ende 1941 werden Max und Johanna zunächst im Sammellager Kloster Grüssau interniert. Bei der Deportation am 03.05.1942 sind Max und Johanna (Nr. 704 und 705 auf der Deportationsliste) besitzlos. Sie werden vermutlich in das KZ Theresienstadt und danach nach Auschwitz gebracht und wahrscheinlich 1943 ermordet.
Magarethe Fröhlich geb. Silberberg in Beuthen
Von Margarethe ist nur bekannt, dass sie mit ihrem Mann Siegfried am 23.06.1942 von Gleiwitz nach Auschwitz gebracht wird. In der Liste der Deportierten stehen sie auf Seite 9, Zeile 842 und 841. Ob sie von Beuthen nach Gleiwitz freiwillig umgezogen waren oder dort interniert wurden, ist unbekannt. Beide werden wahrscheinlich 1942 in Auschwitz umgebracht.
Alfred Silberberg und Gerta geb. Bartnitzki
Alfred ist 16 Jahre alt, als seine Eltern nach Breslau ziehen. Er wird also zumindest überwiegend in Beuthen zur Schule gegangen sein. Über seine weitere Ausbildung ist nichts bekannt. Zum Zeitpunkt seiner Ausreise nach England 1939 gibt er als Beruf kaufmännischer Angestellter an.
Am 20.02.1938 heiratet Alfred die am 23.02.1914 in Breslau geborene Gerta Bartnitzki in Breslau. Die Heirat findet um 12 Uhr im Jüdischen Geselligkeitsverein, Hin-denburgplatz 9, statt.
1938 wird Alfred nach dem Novemberpogrom verhaftet und am 29. 11. 1938 in das Konzentrationslager Buchenwald (Häftlingsnummer 23071) gebracht. Mit der Auflage, schnellstmöglich das Land zu verlassen, kommt er am 08.12.1938 nach Hause zurück. Alfred und Gerta wohnen zu dem Zeitpunkt in Breslau, Gartenstr. 40, als Untermieter bei Gertas Onkel, Isidor Weissenberg. In der Folge gelingt Ausreise nach England gelingt.
Alfred und Gerta erhalten als letztes Lebenszeichen von Alfreds Eltern 1941 einen Brief aus Grüssau. Aus dem geht hervor, dass Gertas Eltern Julius Bartnitzki (* 16.03.1881) und Mirjam Margot geb. Ellguther (* 21.04.1889) bereits aus Breslau abtransportiert worden sind, ebenso Isidor Weissenberg (* 22.11.1875) und seine Frau Paula geb. Born (26.01.1878) sowie Tante Lina Weissenberg (*13. 07. 1880) und Alfreds Eltern Max und Johanna selbst. Alfred und Gerta leben zu diesem Zeitpunkt in einem Internment Camp auf der Isle of Man.
Alfred und Gerta leben später in Leicester. Die Sunday Times schreibt am 22.12.2013: “After escaping to Britain in 1939, his son Alfred and Gerta worked as butler and cook to a doctor in Leicester.*” Alfred stirbt in Leicester am 21.03.1984. Gerta wird fast 100 Jahre alt und starb am 17.05.2013 in Leicester.
Nach dem zweiten Weltkrieg versuchen Alfred und Gerta eine Entschädigung für die von den Nazis geraubten Kunstwerke zu erhalten. Anfangs waren alle Versuche erfolglos. Ein wichtiger Grund ist, dass die deutschen Gesetze zur Entschädigung nicht in Breslau gelten, welches ja inzwischen zu Polen gehört. Zudem fühlt sich Deutschland nicht für Polen zuständig. Erst 1998 werden die Washington Conference Principles on Nazi-Confiscated Art vereinbart, die empfehlen, während der Zeit des Nationalsozialismus beschlagnahmte Kunstwerke der Raubkunst zu identifizieren, deren Vorkriegseigentümer oder Erben ausfindig zu machen und eine „gerechte und faire Lösung“ zu finden. So kann Gerta 1999, lang nach dem Tod von Alfred, im Alter von 85 Jahren zum Beispiel die Zeichnung Olivenbäume vor dem Alpillengebirge von Vincent van Gogh von der Nationalgalerie Berlin zurückerhalten. Diese Zeichnung gibt sie im Dezember 1999 im New Yorker Auktionshaus Sotheby’s zur Versteigerung, wo sie für 8,5 Millionen Dollar einen neuen Besitzer findet. Das Geld hilft bei der Finanzierung der Suche nach weiteren Kunstobjekten, die teilweise zu weiteren Rückgaben führt.
Die ehemals so berühmte Sammlung Silberberg ist heute weltweit verstreut in Europa, Amerika und Asien. Bislang finden sich 40 Kunstwerke, darunter 17 Gemälde und Zeichnungen, in deutschen und ausländischen Museen sowie andere in privaten Sammlungen weltweit.
* Nach seiner Flucht nach Großbritannien arbeiteten sein [Max'] Sohn Alfred und [dessen Frau] Gerta als Butler und Köchin bei einem Arzt in Leicester.
© Johannes Bunk und Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. Günter Hommel